Ein paar Worte zur aktuellen Situation im AZ und der „Stellungnahme“

Eigentlich sind wir der Meinung, dass es keines weiteren Kommentares zur Stellungnahme irgendwelcher Autonomer zu dem Text „AZ Wuppertal – Es reicht!“ bedarf. Die Stellungnahme spricht für sich und enthält so ziemlich jeden Kritikpunkt, der in dem „Es reicht!“-Text aufgeführt wird. Wir wollen trotzdem ein paar Worte dazu verlieren, sowohl was die untragbaren Inhalte der Stellungnahme angeht, als auch den miesen Umgang mit Unterstützer*innen und Sympathisant*innen des „Es-reicht!“-Textes. Diese werden mittlerweile in Plena in eine Situation gedrängt, die einem Tribunal gleicht und sollen „zur Verantwortung“ gezogen werden. Da das AZ laut der Stellungnahme ein Raum für „Menschen, die „irgendwie Anders“ sind“ ist, bekommen die AZetties Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Ideologie und dem gleichzeitigen Wunsch die, die sie für die „antideutsche dogmatische Fraktion“ halten, zu sanktionieren. So wird nach unserer Wahrnehmung mehr Energie in die Ermittlungen nach den „Schuldigen“ und Imagepflege gelegt, als sich mit den inhaltlichen Kritikpunkten auseinanderzusetzen; wie es auch der Stellungnahme anzumerken ist.

Wir sind eine Gruppe, die nicht mit der Verfasser*innen-Gruppe „Es reicht!“ identisch ist. Wir gehen jedoch mit den Aussagen des Textes d´accord und finden uns mit unserer Wahrnehmung des Zentrums darin wieder. Dadurch stehen wir automatisch im Verdacht zu der „antideutschen dogmatischen Fraktion“ zu gehören. Wir schreiben jetzt nicht, was wir politisch die letzten Jahre so gemacht haben, da wir das Gefühl haben, dass es für die Frage nach dem Umgang mit Übergriffen wenig darauf ankommt wer wann warum mit welchen Nachbar*innen kocht. Denn wir halten den Umgang mit sexualisierter Gewalt für völlig losgelöst von der Frage, ob man mit jüdischen Gemeindevorsitzenden demonstriert oder nicht. Oder wolltet ihr damit sagen, wer mit jüdischen Gemeindevorsitzenden demonstriert, kann doch auch anderswo nichts kritisierenswertes machen? Wer instrumentalisiert hier wen? Im Gegensatz zu den Verfasser*innen der Stellungnahme halten wir weder „reine Szeneveranstaltungen“ für sexismusfrei, noch halten wir „Jugendliche mit Migrations-hintergrund“ für die Hauptverursacher von Sexismus in linken Zentren. Welch ein einfaches Weltbild steckt hinter solchen Ausführungen?

Die „Stellungnahme zur Kampagne gegen das Autonome Zentrum (AZ) Wuppertal“ ist eine klare Ansage dazu, dass sich nichts ändern wird im AZ Wuppertal. Sexismus wird nicht ernstgenommen und vor allem nicht die Menschen, die Sexismus wahrnehmen und kritisieren. Eine Kritik an den Zuständen wird sofort als Angriff auf das Zentrum wahrgenommen und Personen als „antideutsch“ diskreditiert, um sich den Inhalten nicht stellen zu müssen.

Aber nun zum Kernpunkt: Auch hier spricht der Text für sich und wird durch die weiterhin gleichbleibende Praxis im AZ bestärkt: Definitionsmacht gibt es allerhöchstens als Lippen-bekenntnis und oberste Priorität hat die möglichst lange Anwesenheit der Täter, solange es nicht um eine Vergewaltigung geht.

Der Text der Stellungnahme schafft es innerhalb von zwei Sätzen sich zur Definitionsmacht zu bekennen und zugleich ihre Grundlagen abzulehnen. Auch auf dem AZ-Plenum geht das im „Es reicht!“-Text kritisierte Verhalten ungebrochen weiter. Ein Hausverbot für eine Person, die schon über einen längeren Zeitraum durch übergriffiges und grenzüber-schreitendes Verhalten aufgefallen ist, wird schon wieder stundenlang diskutiert; ihm müsse noch eine Chance gegeben, bzw. mit ihm geredet werden, etc. Wiedermal werden Detailschilderungen eingefordert und die Wahrnehmung von Betroffenen in Frage gestellt. Dazu passt auch, dass in der Stellungnahme die Verfasser*innen der Meinung waren eine Detailschilderung der Tat wäre für ihren Text notwendig. Dies übergeht vor allem die konkret Betroffene, ist aber auch ignorant gegenüber anderen Betroffenen, die den Text lesen. Auch der Vorschlag eines Veranstaltungstops wurde auf einem AZ-Plenum als absurd zurückgewiesen. Wie auch schon im „Es reicht!“-Text angemerkt, finden wir dies widerwärtig angesichts des letztjährigen Veranstaltungstops als Symbol gegen die Beschädigung von Waschbecken im AZ. Die Verfasser*innen sind von der „anonymen Kampagne“ „tief-getroffen“ – jedoch nicht von den im Text geschilderten Situationen und Zuständen.

Frei von Übergängen

Zitat der Stellungnahme: „Die Behauptung, er hätte auf der Nachttanzdemo am 30. April ungestört rumlaufen können, ist falsch. Als Leute ihn entdeckten, begab er sich schnell in den Schutz der Bereitschaftspolizei.“

Tatsache ist, dass er ungestört auf dem Auftaktplatz saß und „völlig zufällig“ (Ironie!) von Leuten weggeschickt wurde, die verdächtigt werden Teil der Gruppe hinter dem „Es reicht!“-Textes zu sein. Schämt ihr euch nicht, antisexistische Arbeit immer denselben Leuten zu überlassen, diese Leute auszugrenzen und euch dann trotzdem deren Handlungen auf die eigene Fahne zu schreiben?

Ein weiteres Zitat: „Im Nachgang zu diesem Plenum stellte sich heraus, dass eine Person, welche sich im AZ einbrachte, bereits von der Tat durch den Täter wusste und auf dessen Bitte hin für ihn sogar bei der Polizei ausgesagt hatte. Die Person bekam zunächst ebenfalls ein vorläufiges Hausverbot.“

An dieser Stelle fragen wir uns auf welchem Plenum ihr gesessen habt? Jedenfalls nicht auf demselben wie wir – was ja in letzter Zeit durchaus vorkam. Er hat auf dem AZ-Plenum zunächst kein Hausverbot bekommen; sondern es wurde dort explizit geäußert, dass er weiter willkommen ist. In der folgenden Zeit war er nicht nur regelmäßig im AZ, sondern hat sich auch trotz „Aufgabenverbot“ am 1.Mai an der Volksküche beteiligt.

Auf die Empfindungen und Wahrnehmungen der Menschen, die die Kritik des „Es reicht!“- Textes als Realität wahrnehmen, wird in der Stellungnahme und im AZ-Alltag mit keinem Wort eingegangen. Stattdessen werden lieber wilde Verschwörungstheorien gesponnen und unterstellt, der „Es-reicht!“-Text würde die Vergewaltigung instrumentalisieren. Auch die Behauptung, Betroffene würden für Macht- und Fraktionskämpfe instrumentalisiert, ist absurd. Auch ohne die in der Stellungnahme behaupteten „Fraktionskämpfe“ würden Übergriffe nicht ernstgenommen und heruntergespielt, schlicht und ergreifend weil das die Sichtweise vieler Menschen im AZ ist und es zu deren Konzept eines offenen, sozialen Zentrums gehört.

„Wenn auf dem AZ-Plenum zurzeit nicht die Atmosphäre vorherrscht, dass Betroffene von ihren (Gewalt-) erfahrungen erzählen können, ohne direkt in Machtkämpfe verstrickt zu werden, müssen wir vielleicht mit Anlaufstellen und neutralen Vertrauenspersonen arbeiten, die die Schilderungen erstmal aufnehmen und mit den Betroffenen reden.“

Zum einen: Wenn ihr die angeblich seit Jahren angewendete Definitionsmacht ernstnehmen würdet, müssten Betroffene auf dem Plenum gar nicht von ihren Gewalterfahrungen berichten. Aber nein, man muss ja „jede Entscheidungen und jedes Hausverbote vermitteln und diskutieren“ und dabei „Beziehungsprobleme“ “beleuchten“.

Zum anderen: Würdet ihr das Konzept der Definitionsmacht ernstnehmen, kämt ihr auch nicht auf die Idee „neutrale V-Leute“ als Lösung aus dem Hut zu zaubern. Es wäre schön, wenn es im AZ Ansprechpersonen gäbe; doch diese müssten eben nicht „neutral“, sondern absolut parteiisch für Betroffene sein. Jenseits einer solchen Struktur muss es aber auch reichen, wenn Betroffene Menschen ihrer Wahl ansprechen und diese die Position dem Plenum vermitteln oder sie dies selbst tun. Schon bei der Planung einer E-mail-Adresse als Ansprechmöglichkeit wurde gefordert diese dürfte nicht durch antisexistische „Hardliner“ betreut werden. Wir befürchten „neutrale Vertrauenspersonen“ sind für euch vor allem Menschen, die neutral zwischen Tätern und den Betroffenen vermitteln können und die „Beziehungsprobleme“ klären. Nichts liegt dem Prinzip der Definitionsmacht und antisexistischen Minimalstandards ferner, solange dies nicht ausdrücklich von der Betroffenen gewünscht wird.

„Der Täter (55-60) saß seit etwa einem Jahr bei Kneipen und Voküs öfters an der Theke im AZ und hat – wie jetzt im Nachhinein festgestellt wurde – wiederholt junge Frauen angequatscht und angebaggert.
Leute aus dem AZ, die das übergriffige Verhalten des Täters zwar bemerkt, aber nicht ernst genommen und rechtzeitig reagiert haben, machen sich unzweifelhaft Vorwürfe.“

Wir wollen ja nicht kleinkariert erscheinen, aber: Auch hier wieder zwei Sätze – zwei sich entgegenstehende Aussagen. Wie scheinbar auch von den Schreiberlingen der Stellungnahme festgestellt, hat sich das permanente unangenehme und grenzüberschreitende Verhalten des Täters eben nicht völlig überraschend nachträglich herausgestellt. Es gab eben Leute, die es wussten und warum auch immer ignorierten und somit tolerierten und es gab Leute, die schon lange meinten, dass die Person und sein Verhalten nicht tragbar ist, aber die eben genau wegen der im „Es recht!“-Text geschilderten Stimmung im AZ dies nicht ausdrücklich auf dem AZ-Plenum eingefordert haben, um nicht schon wieder als die spießigen Spaßbremsen dargestellt zu werden und vor allem um sich nicht wieder eine Stunde lang Relativierungen und Rechtfertigungen von übergriffigem Verhalten anhören zu müssen. Wenn dies für alle Verfasser*innen der Stellungnahme erst im Nachhinein klar wurde, dann können sich diese ja gerne ihrer Nicht-Involviertheit in den Veranstaltungsalltag im AZ erfreuen, aber doch bitte schön nicht die katastrophale Situation klein- und schönreden.

Zum Abschnitt der „heilen Politwelt“ und den „Benimmregeln“ fehlen uns die Worte. Es gibt schlauere und weniger verlogene Wortbeiträge bei Maischberger. Solch offenen Antifeminismus, á la „zum Thema Sexismus nur Verbotschilder aufzustellen und hochzuhalten, oder sich in elitären Zirkeln neue Regeln für die „Unwissenden“ auszudenken.“ hätten wir eher von Organisationen erwartet, mit denen wir an dieser Stelle natürlich keine Vergleiche ziehen wollen.

„Nazis und Behörden reiben sich zur Zeit die Hände und schreiben fleißig mit.“

Stimmt, wir sollten nie wieder szenekritische Diskussionen zu irgendeinem Thema führen. Das nützt nur den Feinden. Wenn sich da alle dran gehalten hätten, wären wir inhaltlich auf dem Stand der 1930iger. Wenn ihr das wollt…

Nach jedem Großereignis wie dem G8 oder dem „Antikriegstag“ werden Nachbereitungs-diskussionstexte veröffentlicht – und ihr glaubt eine Diskussion zum Thema Sexismus wäre für Nazis und Behörden spannender? Ehrlich?

„Mit der anonymen Kampagne wird die jahrelange – auch antisexistische – Arbeit für das selbstverwaltete Autonome Zentrum mit Dreck beworfen.“

Mit Dreck bewerfen die Azzeties sich eher selber – und die angeblich jahrelange anti-sexistische Arbeit –, wenn zB Menschen, die kein Bock auf Bands mit sexistischen Texten haben sich auf Plena von den Plenumsteilnehmer*innen unwidersprochen als „lustfeindlich“ bezeichnen lassen müssen. Wir könnten unzählige Seiten mit solchen Vorfällen füllen.

Kurz gesagt: Euer Imageschaden ist uns scheiß egal. Wenn eure Scheinwelt vom angeblich gelebten Antisexismus zerstört wird, ist das uns mehr als recht.

gez.:

Auch wenn sie´s nicht vermuten: Die Guten