Solidarische Grüße aus und nach Bonn

In Bonn gibt es eine Kampagne für ein libertäres Zentrum – und Feminist*innen, die diese kritisch begleiten. Hier ihr aktueller Aufruf:

Für den 27. April wird in Bonn aus dem anarchistischen Spektrum und aus den Zusammenhängen der Freiraumkampagne LIZ wie schon im Februar 2013 zu einer demonstrativen Tanz-Aktion aufgerufen. Einher gehen die neuerlichen Bemühungen um einen Bonner Freiraum mit dem aktuellen Aufruf zu einer Demonstration anlässlich des 1. Mai, zu der vonseiten der Aktiven der LIZ-Kampagne sowie dem weiteren anarchistisch-undogmatischen Spektrum mobilisiert wird. Eine linksradikale Alternative zur traditionellen Klüngelei zwischen den sozialpartner_innenschaftlichen Gewerkschaften und Sozialdemokratie auf der einen, neo-stalinistischem Bonner Sumpf auf der anderen Seite ist dringend nötig, zum 1. Mai wie auch zu den sonstigen linken Strukturen in Bonn. Daher begrüßen wir die Initiative und wollen uns an einer Reformulierung der Sehnsüchte nach der allgemeinen Emanzipation des Individuums, der Befreiten Gesellschaft und dem Kampf um einen festen Platz im Bonner Stadtbild, der für diese Sehnsüchte steht, beteiligen. Trotzdem haben wir unsere Zweifel, inwiefern unsere Sehnsüchte, so unterschiedlich sie im einzelnen auch sein mögen, in dieser Perspektive auf Befreiung überhaupt berücksichtigt sind. Dass sie in den Verhandlungen darüber, wie Befreite Gesellschaft nun zu machen sei, immer wieder unter den Tisch fallen, mag zwar auch in den Strukturen der Gesamtscheiße, im für das Funktionieren der falschen Gesellschaft existentiell notwendigen Patriarchat begründet liegen: entbunden sind linksradikale Emanzipationsbestrebungen von der Verantwortung, Gewaltverhältnisse entlang der Dimensionen von gender in Analyse und Praxis angemessen unterzubringen, dadurch aber nicht. Im Gegenteil kippt eine Kritik der kapitalistischen Gesellschaft ins Falsche, wenn sie, wie im zentralen Aufruftext zum 1. Mai, zwar erwähnt werden, im Kuhhandel des politischen Alltagsgeschäfts, in Kompromissfindung und Bündnisarbeit mit symptomatischer Sicherheit aber immer wieder ausgeklammert werden. Symptomatisch ist diese Beobachtung deshalb, weil die Agierenden dieses Alltagsgeschäfts wegen ihrer gesellschaftlichen Positionierung eben nicht aufgrund von gender, sexuellem Begehren, trans*-Positionierung (race, ability, look …) und vielem mehr alltäglich im Sperrfeuer der gesellschaftlichen Widersprüche stehen.

Dein Freiraum ist nicht mein Freiraum

Diese Vernachlässigung mag als eine Leerstelle erscheinen, als ein Thema, dem man sich noch nicht zugewandt habe oder das aus Zeit- und Aufwandsgründen eben nicht umgesetzt werden konnte, für das sich keine AG gefunden oder niemand in den Schichtplan eingetragen habe, eben passiv. Aber das ist die Sichtweise von am Zentrum der Normierung stehenden Subjektpositionen, denen eben dadurch Frauen*, Lesben, Trans* und Queers (um die es uns in diesem Text primär geht, weil wir für andere nicht sprechen können/wollen), nicht als Akteur_innen ihrer eigenen Emanzipation, sondern bloß als potentielle Objekte und Empfänger_innen einer Befreiung von außen, als Füllmasse für Lücken in noch nicht ausgereiften Theorien gelten. Die passive Vernachlässigung entpuppt sich vom Standpunkt der allgemeinen Emanzipation des Individuums jedoch als immer neue aktive Ausgrenzung. Diese Gewalt ist spürbar; z.B. wenn Freiraumkampagnen ihren Freiraumbegriff auf „jeder kann kommen“ reduzieren und meinen, mit günstigeren Bierpreisen als in den Discotheken am Bertha-von-Suttner-Platz sei nun ein freier Raum geschaffen. Dieser soll frei von all dem sein, was als großes Böses, als Gesamtscheiße, oder gar irgendwie als Kapitalismus identifiziert worden ist, dem nur das Gute in Form des guten Willens, eines kostenlosen Kickertisches oder der guten Party gegenübergestellt werden müsse.

Aber eure guten Parties, die Parties der Linke-Szene-Männer, sind für uns regelmäßig scheiß Parties. Es sind die Parties derer, die das Lesbischsein anderer Menschen nicht als Lesbischsein anderer Menschen, sondern als Bereicherung und Befreiung der eigenen Sexualität verkennen und aneignen. Es sind die Parties derer, die sich herausgefordert fühlen, überhaupt kein Problem mit dem trans*sein irgendwelcher Menschen zu haben, statt einfach die Fresse zu halten und das

richtige Pronomen in Denken und Sprechen anzuerkennen. Es sind die Parties derer, die die Grenze zwischen einem Flirt und einer sexuellen Belästigung als eine von Formalitäten der gerade herrschenden political correctness gezogen verstehen und nicht von der viel grundsätzlicheren Frage, ob das Gegenüber nun als menschliches Wesen in allen seinen Bedürfnissen, Wünschen und seiner Integrität anerkannt wird. Oder ob es zum Objekt der eigenen sexuellen Befriedigung degradiert und ver-achtet wird. Wir sind die cis-männlich-heterosexistische, übergriffige Aufreißund Abcheck-Stimmung auf diesen Parties leid. Die letzte LIZ-Soliparty hat für uns die Frage aufgeworfen, was den Freiraum der LIZ-Kampagne nun wirklich von besagten Discotheken unterscheidet. Welchen politischen Anspruch formulieren die Leute, die LIZ machen – und welchen politischen Anspruch haben diejenigen, die sich von LIZ angesprochen fühlen? Gilt der Freiraum auch für das Rumgepose mit rassistischen Sprüchen, die natürlich witzig gemeint sind? Ist der Freiraum ein Ort, an dem fernab der öffentlichen Meinungsäußerung endlich mal unkontrolliert ausgesprochen werden darf, was man über die Juden insgeheim denkt? (beides Vorfälle der letzten LIZ-Party unter vielen) Welcher Begriff von Freiheit kommt hier zum Tragen, wenn die Möglichkeiten, dieses Verhalten auf den eigenen Veranstaltungen auszugrenzen, ungenutzt bleiben?

Wir wollen einen Freiraum, in dem sich unsere Bedürfnisse frei entfalten können, in dem wir unsere Sehnsüchte auf ein besseres Leben, auf die freie Gesellschaft, entwickeln und artikulieren können. Wir wollen einen Freiraum, in dem die Grenzen, Verwerfungen und Übergriffe des Patriarchats wenn schon nicht an der Türe ausgesperrt, so doch zumindest als existierende anerkannt und die daraus erwachsenden Konsequenzen für ein Zusammenleben, -arbeiten und -feiern solidarisch und parteiisch für die von ihnen betroffenen gezogen werden. Das führt notwendig dazu, dass ein Freiraum eben kein Raum für Alle ist; das nämlich war schon immer ein Widerspruch in sich. Mit dieser Losung wurden und werden faktisch jeden Tag aktiv Räume für Menschen geschlossen oder nur unter großen Entbehrungen und Opfern aufhaltbar gestaltet, während diejenigen, denen sowieso schon überall in der kapitalistischen Stadt der rote Teppich ausgerollt liegt, nun noch ein weiterer Raum geöffnet wird. Unsere Kritik stützt sich auf Erfahrung; wir werden nicht abwarten und zusehen, bis das selbe Dilemma entsteht wie bei anderen Freiraumkampagnen der jüngeren Vergangenheit. Wir solidarisieren uns mit den Feminist_innen, die mit der „Es reicht!“-Erklärung (http://antisexismuswuppertal.blogsport.de/text/) geschlossen das Autonome Zentrum Wuppertal verlassen haben, nachdem jahrelang über Plenums- und Diskussionsarbeit vergeblich versucht worden ist, an der sexistischen Stimmung im AZ etwas zu verändern.

Aus diesen Gründen erklären wir uns mit dem Anliegen von Freiraumkampagne und linksradikaler Alternative zum 1. Mai kritisch-solidarisch und betonen die Wichtigkeit, im historisch gewachsenen, politischen Bündnis von Frauen*LesbenTrans*Queers&Allies ein nicht zu übergehendes Gegengewicht zur mainstream-Freiraumkultur und -politik zu sein – auf dass Befreiung wirklich die Emanzipation aller sei. Wir lassen unsere Anliegen nicht mehr als Nebenwiderspruch abtun und entgegnen: Ihr seid der Nebenwiderspruch auf dem Weg zur

Befreiten Gesellschaft!

Kommt zum FLTQ*&Allies-Block auf der Tanzdemo für ein Libertäres Zentrum!

27.04., 16 Uhr, Münsterplatz, Bonn